Psychosomatik beginnt mit Haltung – Grundprinzipien im Umgang mit körperlichen und seelischen Beschwerden
Viele Menschen leiden unter körperlichen oder seelischen Beschwerden, für die es scheinbar keine eindeutige Ursache gibt. Rückenschmerzen ohne klaren Befund, anhaltende Erschöpfung, Magen-Darm-Beschwerden, Schlafstörungen oder innere Unruhe sind typische Beispiele.
Oft wurden bereits zahlreiche Untersuchungen, Therapien oder Behandlungen durchgeführt – mit begrenztem oder nur kurzfristigem Erfolg. In solchen Situationen fällt häufig der Begriff Psychosomatik. Doch was bedeutet das eigentlich?
Psychosomatische Begleitung beginnt nicht mit einer Methode oder Technik, sondern mit einer bestimmten Grundhaltung gegenüber dem Menschen, seinem Körper und seinem Nervensystem.
Was Psychosomatik wirklich bedeutet
Psychosomatik heißt nicht: „Das ist nur psychisch.“ Psychosomatik bedeutet vielmehr, körperliche, seelische und vegetative Prozesse gemeinsam zu betrachten.
Körperliche Symptome sind keine Einbildung, sondern reale Ausdrucksformen eines überlasteten oder dysregulierten Systems. Entscheidend ist, wie diesen Symptomen begegnet wird – und genau hier spielen klare Grundhaltungen eine zentrale Rolle.
Grundhaltungen in der psychosomatischen Begleitung
1. Kein psychosomatisches Problem ist monokausal
Körperliche und seelische Beschwerden entstehen in der Regel nicht durch eine einzelne Ursache. Meist wirken mehrere Ebenen gleichzeitig zusammen.
Dazu gehören unter anderem chronischer Stress, eine anhaltende Überlastung des Nervensystems, biochemische Faktoren wie Schlaf oder Erholung, emotionale Daueranspannung sowie belastende Lebensumstände.
Diese Grundhaltung schützt vor vorschnellen Erklärungen und verhindert, dass Beschwerden vereinfacht oder bagatellisiert werden.
2. Biochemische und körperliche Stabilität vor therapeutischer Vertiefung
Ein überlasteter Körper kann nur eingeschränkt regulieren, verarbeiten und verändern. Viele psychosomatische Beschwerden gehen mit Erschöpfung, Schlafproblemen, innerer Unruhe oder einer hohen Stressreaktivität einher.
Psychosomatische Begleitung bedeutet deshalb häufig zunächst Stabilisierung, Entlastung und die Förderung der vegetativen Regulation – bevor tiefere therapeutische Schritte sinnvoll greifen können.
3. Regulationsfähigkeit vor Technik
Nicht jede Methode wirkt bei jedem Menschen gleichermaßen. Entscheidend ist nicht, welche Technik angewendet wird, sondern ob das Nervensystem aktuell in der Lage ist, neue Impulse zu verarbeiten.
Ein dauerhaft angespanntes oder überaktiviertes System kann Interventionen oft nicht integrieren. Psychosomatische Arbeit orientiert sich daher am aktuellen Zustand des Menschen – nicht an starren Programmen oder Methoden.
4. Stabilisierung vor Ursachenforschung
Der Wunsch, endlich die Ursache von Beschwerden zu finden, ist nachvollziehbar. Dennoch gilt: Ursachenarbeit ohne ausreichende Stabilisierung kann Symptome verstärken.
Gerade bei langanhaltenden körperlichen oder seelischen Beschwerden ist es entscheidend, zunächst Sicherheit, Tragfähigkeit und Belastbarkeit aufzubauen, bevor vertiefende Prozesse angestoßen werden.
5. Therapie endet nicht mit Symptomfreiheit
Das Verschwinden eines Symptoms bedeutet nicht automatisch, dass das System wieder voll belastbar ist. Viele Rückfälle entstehen, weil zwar Symptome reduziert wurden, jedoch keine nachhaltige Stabilität aufgebaut wurde.
Psychosomatische Begleitung denkt deshalb über die reine Symptomfreiheit hinaus und legt den Fokus auf Aufbau, Integration und Alltagstauglichkeit.
Psychosomatische Begleitung als Prozess
In meiner Praxis verstehe ich psychosomatische Beschwerden nicht als Defekt, sondern als Hinweis auf ein überlastetes Regulationssystem. Ziel ist es nicht, Symptome zu bekämpfen, sondern wieder Stabilität, Selbstwirksamkeit und Tragfähigkeit aufzubauen.
Psychosomatik bedeutet verstehen statt bekämpfen, stabilisieren statt überfordern und integrieren statt optimieren.
Weiterführende Informationen
Wenn du mehr darüber erfahren möchtest, wie diese Grundhaltungen in ein strukturiertes therapeutisches Fachkonzept eingebettet sind, findest du hier weitere Informationen:
Zum ONPT-Fachkonzept (Orthomolekulare neuroregulative Psycho(Physiotherapie)
Zu den psychosomatischen Therapieprogrammen in meiner Praxis
Psychosomatische Beschwerden sind komplex – und genau deshalb verdienen sie einen differenzierten, ruhigen und respektvollen Umgang. Haltung ist dabei kein Nebenaspekt, sondern die Grundlage jeder wirksamen Begleitung.